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Information Technology and Organizations: Trends, Issues, Challenges and Solutions – Bericht vom IRMA-Kongress 2003 

von Rüdiger Weißbach, Hamburg 

Vom 18. bis zum 21. Mai fand in Philadelphia (USA) der aktuelle Kongress der IRMA (Information Resources Management Association) unter dem Motto: Information Technology and Organizations: Trends, Issues, Challenges and Solutions statt. Trotz SARS und Irak-Krieg fanden sich über 400 Teilnehmer ein, davon viele aus Australien, Skandinavien und Großbritannien. Deutsche Teilnehmer waren nur spärlich vertreten.

Die IRMA-Kongresse bietet traditionell ein Sammelsurium internationaler Beiträge zu den verschiedensten Themen, thematisch breiter als die üblichen deutschen Informatikkongresse und ohne den stringenten Faden, den andere, vor allem technikzentrierte Kongresse aufweisen. Fallstudien und kleinere empirische Untersuchungen bestimmen das Feld, umfangreiche theoretische Arbeiten sind selten. Sehr umfangreiche Tracks fanden zu den Themen IT Education, Knowledge Management, Data Warehousing und Technologiemanagement für E-Commerce statt. Weiter gut vertreten waren die Themen strategisches IT Management, E-Collaboration, intelligente Informationssysteme, Sicherheitsmanagement und IT in KMU. Gerade das letztgenannte Thema wird auf den IRMA-Kongressen immer wieder hochgehalten und mündete in die Gründung eines internationalen Research Clusters.

Zahlreiche Referate betonten in diesem Jahr die Bedeutung der Ausbildung im Bereich Informationssysteme. Viele der amerikanischen Beiträge können (noch?) nicht auf Deutschland übertragen werden, zeigen aber die Probleme auf, die sich aus der Einführung allzu spezialisierter Bacchelor- und Master-Studiengänge auch hier ergeben können. Interessant ist, dass gerade in amerikanischen Beiträgen eine breitere Ausbildung gefordert wurde. WHITE / STEINBACH / KNIGHT (DePaul Uni, Chicago) gehen in ihrem Aufsatz E-Commerce Curriculum: After the Fall davon aus, dass das Thema E-commerce die Basis zukünftiger Curricula bilden wird. Ähnlich formulieren CHAN / MIRZA (ebenfalls von der DePaul University) in Towards Defining IT Skills Portfolio for E-Business die These, dass die Wandlung zum E-Business neue Qualifikationen der IT-Workers erfordere. Das dargestellte Framework verlangt Architekturwissen, Implementierungswissen, Wissen über Organisationalen Wandel, Anwendungsentwicklung, Tools und Programmiersprachen.

Unklar bleibt, wie die Vielfalt tatsächlich – gerade in kurzen Studiengängen - abgebildet werden soll. SWANSON / HEAD / PHILLIPS (Meeting Industry’s Changing IT Needs) von der Universität Purdue (USA) versuchen dies in einem Joint Venture mit dem Industriedieselhersteller Cummins in einem Zusatz-Ausbildungsprogramm für Systems / Business Analysts in zwei Wochen zu erreichen; dabei sollen die Themen Systemanalyse, Team Building, Business Knowledge und Communication Skills vermittelt werden. SCIME (Universität Brockport, NY, USA) untersuchte Student Approaches to Projects: Software Engineering vs. Information Systems. Das Ergebnis eines gemeinsamen Projektes von Studenten beider Disziplinen stellt eine immer stärkeren Spezialisierung in Frage: „Graduates of schools that have programs for conceptualizers, developers and modifiers are well prepared to fill positions in software development and database development. It matters little whether the education is in Software Engineering, Information Systems, or Computer Science.“ (S.586) Hat man die Studenten erst einmal angeworben, so muss deren Leistung jedoch auch bewertet werden: LI / OH (Melbourne) untersuchten in ihrem Beitrag Automated Essay Scoring and Flexible Learning: Basis Latent Semantic Analysis  entsprechende Verfahren.

Letztendlich scheinen sich betriebliche Investitionen in IT-Ausbildungen zu lohnen: KUDYBA (Universität Lincoln Park, NJ, USA) formuliert in seinem Aufsatz IT-Labor Intensities and Firm-Level Productivity: „The results indicate that labor forces with higher IT skill concentrations have made statistically significant increased contributions to firm level output measured by value added.“ (S.1065). Eine potenzielle Alternative zu einer Professionalisierung des IT-Personals, das sogenannte End-User-Computing, ist nach einer Untersuchung von JENNEX (San Diego, USA),  Managing End-User System Development: Lessons from a Case Study, eher nachteilig: „EUC left on ist own is costly. This is especially true for end user development and leads to the proposition that end user system development should be performed just like IS system development.“ (S.820)

Ein weiterer Tagungsschwerpunkt war die Diffusion von IT. Dabei waren drei Aspekte vorherrschend: E-Commerce, Mobilkommunikation und die Verifizierung des sogenannten TAM-Modells (Technology Acceptance Model). Dieses Modell basiert auf der Idee, dass die Akzeptanz einer Technologie von ihrer empfundenen Nutzerfreundlichkeit (perceived ease of use) und der Einschätzung des Nutzens (perceived usefulness) abhängt. Dabei scheint der prognostizierte Nutzen den größeren Einfluß auf die Akzeptanz zu besitzen. Mit dem TAM-Modell wird allerdings nur die Akzeptanz versucht zu erklären, nicht aber die Durchsetzung einer Technologie selbst.

Dass Akzeptanz allein nicht für die Durchsetzung ausreicht, zeigte eine Studie von HAWKING von der australischen Victoria-Universität (E-Procurement Practices: An Australian Survey). Trotz des Willens, die Beschaffung zu elektronisieren, existieren zahlreiche externe Barrieren wie Infrastrukturmängel oder Technologien, die die Diffusion erschweren. Das Ergebnis einer vergleichbaren Untersuchung über die Einführung von ISDN und UMTS in Deutschland stellte der Autor dieses Kongressberichts vor.

Einen interessanten Ansatz, technologische Barrieren mobiler Endgeräte zu überwinden, zeigten KARSTENS / ROSENBAUM / SCHUMANN (Universität Rostock) auf (Information Presentation on Mobile Handhelds). Sie stellten mit „Focus & Context“ sowie „Rectangular FishEye-View“ zwei Möglichkeiten vor, die Restriktionen kleiner Handhelddisplays zu überwinden, indem bestimmte Informationen in ihrem Kontext hervorgehoben werden.

Ist eine Technik oder Arbeitsweise erst einmal etabliert, so machen sich die betrieblichen und sozialen Folgen bemerkbar: War in den letzten Jahren noch die Durchsetzung von E-Mail ein Thema, so ging es diesmal um die negativen Folgen von E-Mail und Instant Messaging (JACKSON / DAWSON / WILSON, Großbritannien).

Ein weiteres Kernthema der IRMA-Veranstaltung war das Thema virtuelle Organisation. In ihrem theoretischen Aufsatz Strategic Use of Virtual Organization führen LEE / EORN / KIM (Binghamton / Seattle) den Begriff der „desocialization“ ein, darunter verstehen sie „a new premise of timelessness and spacelessness in virtual organization“ ein (S.784). Die meisten Aufsätze zu diesem Thema waren jedoch empirischer Art. FRICK (Universität Stavanger, Norwegen) beschrieb in How does Virtual Organizations as Collaboration Networks Benefit Society? Descriptions and Experiences from Collaboration Networks in the Rogaland Area die Organisation der Kooperation verschiedener Unternehmen in einer norwegischen Region, unabhängig vom IT-Einsatz der Unternehmen. JEWELS / PARTRIDGE / UNDERWOOD (Queensland, Australien) untersuchten Effects of Informal Networks on Knowledge Management Strategies am Beispiel eines ASPs und stellten dabei einen nur relativ geringen Einfluß der Organisation auf die Weise des informellen  Austauschs fest. NILSSON / MAGNUSSON (Göteburg) untersuchten Supply Chain- und R&D-Netzwerke in der EU (SME Network Taxonomy: A qualitative Study of Network Practice in the EU). Drei Aufsätze widmeten sich der technischen Unterstützung für Projektmanagement in virtuellen Communities: SCHUBERT / LEIMSTOLL / WACKERNAGEL (Basel) untersuchen Internet Groupware Systems for Project Management: Experiences from an empirical Study; LU / SCHÖNERT (Koblenz) behandelten Mobile Project Management – Status Quo and Perspectives. Die Konsequenzen der geografischen Dispersion in verteilten Software-Entwicklungsprojekten untersuchten SHARMA / KRISHNA aus Bangalore, Indien (Influence of Geographic Dispersion on Control and Coordination for Management of Software Development Projects). Das – naheliegende – Ergebnis ist, dass eine geografische Dispersion einen höheren Grad an formaler Organisation und Prozeduren bedingt.

Das Thema „Knowledge Management in virtuellen Organisationen“ wurde von TAYLOR / BORAIE (Bradford / Oxford) in A Prosed Model for Tacit Knowledge Capture Between Consultancies and Freelance Subcontractors untersucht. Auf Grund der im Projektgeschäft häufigen Struktur der Zusammenarbeit zwischen Organisationen und einzelnen Freelancers ergeben sich besondere Schwierigkeiten für das Knowledge Management, für deren Behebung die Autoren Projektreviews als Mittel ansehen.

In dem Konzept der IRMA-Kongresse nehmen KMU eine besondere Stelle ein, einerseits als eigener Thread im Programm, andererseits in zahlreichen Beiträgen zu anderen Themen. Die Brücke zwischen Virtualisierung und KMU baute KISIELNICKI (Warschau), der in seinem Beitrag Virtualisation as a New Trend of Applications of the Global Information Technology (IT) – Analysis on the Example of Transformations of Small and Medium Enterprises (SMEs) in the Global Market die These vertrat, dass SMEs eher zu virtuellen Organisationen neigen als Großunternehmen und diese besser nutzen können. (856)

Einige Aufsätze versuchten, für KMU Lightweight-Methoden bzw. Best Practices zu diskutieren: BURGESS (Victoria University, Melbourne, Australien) stellte in A Staged Approach to Identifying Web Site Features for Small Businesses ein Excel-Tool zur Bewertung von Webseiten vor. DAWSON / JACKSON (Loughborough, Großbritannien) zeigten am Beispiel einer Bank in Kuwait eine vom Kunden selbst durchgeführte Requirements Analyse (Enabling a Do-It-Yourself Requirements Analysis).

Ebenfalls in Großbritannien (Sunderland) untersuchten HILLEM / EDWARDS die Adoption von IT in KMU (Identifying IT / IS Strategy Profiles in Manufacturing SMEs). Dabei kamen sie zu dem – leider nur durch wenige Studien untermauerten – Ergebnis, dass technischer Support und Expertise unterstützende Faktoren für die erfolgreiche IT-Adaption in KMU sind. Ähnlich konzentrierte sich VENKATESAN (Crawley, Australien) auf KMU-Spezifika von E-Commerce (Information Need and Its Impact on the Adoption of E-Commerce Tools in the Small Business Sector in Western Australia).

Am Rande der Veranstaltung (re-) organisierte sich ein im letzten ins Leben gerufene Research Cluster  „IS in SMEs“, an dem sich vornehmlich Wissenschaftler aus Australien und Großbritannien beteiligen. Interessant wird es sein zu verfolgen, ob die nationalen Differenzen in der ökonomischen Struktur tatsächlich eine vergleichende Forschung ermöglichen.

Kulturelle und geschlechtsspezifische Aspekte waren zwar nicht als eigenständiger Schwerpunkt geplant, tauchten aber immer wieder auf: Dies betrifft zunächst die IT-Ausbildung: Eine vergleichende Studie von FRAUNHOLZ / UNNITHAN / CHAMBERLAIN behandelte Project Communication Management in Australia, Germany and India – A Cross Cultural Study. GREENHILL (Salford, Großbritannien) untersuchte Cultural Influences on Information Technology Skills Acquisition: An Australian Perspective. MAKKONEN (Jyväskylä, Finnland) thematisierte geschlechtsspezifische Aspekte der Didaktik (Which Gender Benefits from Web-Based Seminar in Knowledge Work Course?). Hier zeigte sich, dass in vielen  Fällen traditionelle Lernmethoden webbasierten überlegen sind und außerdem die Nutzungsschwerpunkte bei Männern und Frauen verschieden sind. RATCHEVA (Nottingham, Großbritannien) thematisierte die Überbrückung von Wissensdifferenzen in verteilten Teams (Bridging Knowledge Diversity in Distributed Multidisciplinary Teams). DeLORENZO / KOHUN behandelten in Using Ethnographic Techniques To Define User Requirements methodische Möglichkeiten, kulturelle Differenzen zu reduzieren.

Neben den genannten Schwerpunkten blieben eine Reihe weiterer Aufsätze - aus welchen Gründen auch immer – dem Berichterstatter im Gedächtnis: So untersuchten CLARKE et al. britische Polizei-Call Center (A Study of a U.K. Police Call Centre) als Aktionsforschung. KALCZYNSKI / ABRAMOWICZ / WECEL / KACZMAREK (Toledo / Poznan) stellten in Time-Indexer: a Tool for Extracting Temporal References from Business News einen Versuch vor, Dokumente unabhängig von deren semantischen Kontext auch nach dem temporalen Kontext zu erschließen. KNIGHT / WHITE / STEINBACH (DePaul University, Chicago, USA) untersuchten den Bedeutungswechsel von Informationssystemen in deren Lebenslauf anhand einer Klassifizierung der Systeme in in Support, Strategie und Mission-critical (Moving Toward Mission-Critical: The Migration of Strategic and Support Systems). Diese Klassifizierung unterstützt eine differenzierte Sicht auf die Sinnhaftigkeit des Outsourcing. Ebenfalls zum Thema Outsourcing analysierten KISHORE / RATNASINGAM (Buffalo / Burlington, USA) A Risk-Trust-Control Perspective for Risk Management in the ASP Outsourcing Paradigm. Nach Meinung der Autoren existiert bisher – entgegen der tatsächlichen  Bedeutung - kein Risikomanagement-Ansatz für Outsourcing.

In seiner Mischung aus thematisch breiter Behandlung gerade auch nichttechnischer Akzente und Internationalität ist der IRMA-Kongress eine lohnende Bereicherung des Programms. Antworten und geschlossene Konzepte wird man nur selten finden – Anregungen für neue Fragen und Ansätze hingegen gibt es zuhauf.

(Seitenangaben beziehen sich auf die Proceedings: Information Technology and Organizations: Trends, Issues, Challenges and Solutions. 2003 Information Resources Management Association. International Conference Philadelphia, Pennsylvania, USA, May 18-21, 2003)