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Vom 18. bis
zum 21. Mai fand in Philadelphia (USA) der aktuelle Kongress der IRMA
(Information Resources Management Association) unter dem Motto: Information Technology and Organizations: Trends, Issues, Challenges and
Solutions statt. Trotz SARS und Irak-Krieg fanden sich über 400 Teilnehmer
ein, davon viele aus Australien, Skandinavien und Großbritannien. Deutsche
Teilnehmer waren nur spärlich vertreten.
Die
IRMA-Kongresse bietet traditionell ein Sammelsurium internationaler Beiträge zu
den verschiedensten Themen, thematisch breiter als die üblichen deutschen
Informatikkongresse und ohne den stringenten Faden, den andere, vor allem
technikzentrierte Kongresse aufweisen. Fallstudien und kleinere empirische
Untersuchungen bestimmen das Feld, umfangreiche theoretische Arbeiten sind
selten. Sehr umfangreiche Tracks fanden zu den Themen IT Education, Knowledge
Management, Data Warehousing und Technologiemanagement für E-Commerce statt.
Weiter gut vertreten waren die Themen strategisches IT Management,
E-Collaboration, intelligente Informationssysteme, Sicherheitsmanagement und IT
in KMU. Gerade das letztgenannte Thema wird auf den IRMA-Kongressen immer wieder
hochgehalten und mündete in die Gründung eines internationalen Research
Clusters.
Zahlreiche
Referate betonten in diesem Jahr die Bedeutung der Ausbildung
im Bereich Informationssysteme. Viele der amerikanischen Beiträge können
(noch?) nicht auf Deutschland übertragen werden, zeigen aber die Probleme auf,
die sich aus der Einführung allzu spezialisierter Bacchelor- und
Master-Studiengänge auch hier ergeben können. Interessant ist, dass gerade in
amerikanischen Beiträgen eine breitere Ausbildung gefordert wurde. WHITE /
STEINBACH / KNIGHT (DePaul Uni, Chicago) gehen in ihrem Aufsatz E-Commerce
Curriculum: After the Fall davon aus, dass das Thema E-commerce die Basis
zukünftiger Curricula bilden wird. Ähnlich formulieren CHAN / MIRZA (ebenfalls
von der DePaul University) in Towards
Defining IT Skills Portfolio for E-Business die These, dass die Wandlung zum
E-Business neue Qualifikationen der IT-Workers erfordere. Das dargestellte
Framework verlangt Architekturwissen, Implementierungswissen, Wissen über
Organisationalen Wandel, Anwendungsentwicklung, Tools und Programmiersprachen.
Unklar
bleibt, wie die Vielfalt tatsächlich – gerade in kurzen Studiengängen -
abgebildet werden soll. SWANSON / HEAD / PHILLIPS (Meeting
Industry’s Changing IT Needs) von der Universität Purdue (USA) versuchen
dies in einem Joint Venture mit dem Industriedieselhersteller Cummins in einem
Zusatz-Ausbildungsprogramm für Systems / Business Analysts in zwei Wochen zu
erreichen; dabei sollen die Themen Systemanalyse, Team Building, Business
Knowledge und Communication Skills vermittelt werden. SCIME (Universität
Brockport, NY, USA) untersuchte Student
Approaches to Projects: Software Engineering vs. Information Systems. Das
Ergebnis eines gemeinsamen Projektes von Studenten beider Disziplinen stellt
eine immer stärkeren Spezialisierung in Frage: „Graduates of schools that
have programs for conceptualizers, developers and modifiers are well prepared to
fill positions in software development and database development. It
matters little whether the education is in Software Engineering, Information
Systems, or Computer Science.“ (S.586)
Hat man die Studenten erst einmal angeworben, so muss deren Leistung jedoch auch
bewertet werden: LI / OH (Melbourne) untersuchten in ihrem Beitrag Automated
Essay Scoring and Flexible Learning: Basis Latent Semantic Analysis entsprechende Verfahren.
Letztendlich scheinen sich betriebliche Investitionen in IT-Ausbildungen
zu lohnen: KUDYBA (Universität Lincoln Park, NJ, USA) formuliert in seinem
Aufsatz IT-Labor Intensities and
Firm-Level Productivity: „The results indicate that labor forces with
higher IT skill concentrations have made statistically significant increased
contributions to firm level output measured by value added.“ (S.1065). Eine potenzielle Alternative zu einer
Professionalisierung des IT-Personals, das sogenannte End-User-Computing, ist
nach einer Untersuchung von JENNEX (San Diego, USA), Managing End-User
System Development: Lessons from a Case Study, eher nachteilig: „EUC left
on ist own is costly. This is especially true for end user development and leads to the
proposition that end user system development should be performed just like IS
system development.“ (S.820)
Ein weiterer
Tagungsschwerpunkt war die Diffusion von
IT. Dabei waren drei Aspekte vorherrschend: E-Commerce, Mobilkommunikation
und die Verifizierung des sogenannten TAM-Modells
(Technology Acceptance Model). Dieses
Modell basiert auf der Idee, dass die Akzeptanz einer Technologie von ihrer
empfundenen Nutzerfreundlichkeit (perceived
ease of use) und der Einschätzung des Nutzens (perceived usefulness) abhängt. Dabei scheint der prognostizierte
Nutzen den größeren Einfluß auf die Akzeptanz zu besitzen. Mit dem TAM-Modell
wird allerdings nur die Akzeptanz versucht zu erklären, nicht aber die
Durchsetzung einer Technologie selbst.
Dass
Akzeptanz allein nicht für die Durchsetzung ausreicht, zeigte eine Studie von
HAWKING von der australischen Victoria-Universität (E-Procurement
Practices: An Australian Survey). Trotz des Willens, die Beschaffung zu
elektronisieren, existieren zahlreiche externe Barrieren wie Infrastrukturmängel
oder Technologien, die die Diffusion erschweren. Das Ergebnis einer
vergleichbaren Untersuchung über die Einführung von ISDN und UMTS in
Deutschland stellte der Autor dieses Kongressberichts vor.
Einen
interessanten Ansatz, technologische Barrieren mobiler Endgeräte zu überwinden,
zeigten KARSTENS / ROSENBAUM / SCHUMANN (Universität Rostock) auf (Information Presentation on Mobile Handhelds). Sie stellten mit
„Focus & Context“ sowie „Rectangular FishEye-View“ zwei Möglichkeiten
vor, die Restriktionen kleiner Handhelddisplays zu überwinden, indem bestimmte
Informationen in ihrem Kontext hervorgehoben werden.
Ist eine
Technik oder Arbeitsweise erst einmal etabliert, so machen sich die
betrieblichen und sozialen Folgen bemerkbar: War in den letzten Jahren noch die
Durchsetzung von E-Mail ein Thema, so ging es diesmal um die negativen Folgen
von E-Mail und Instant Messaging (JACKSON / DAWSON / WILSON, Großbritannien).
Ein weiteres
Kernthema der IRMA-Veranstaltung war das Thema virtuelle Organisation. In ihrem theoretischen Aufsatz Strategic
Use of Virtual Organization führen LEE / EORN / KIM (Binghamton / Seattle)
den Begriff der „desocialization“ ein, darunter verstehen sie „a new
premise of timelessness and spacelessness in virtual organization“ ein
(S.784). Die meisten Aufsätze zu diesem Thema waren jedoch empirischer Art. FRICK (Universität
Stavanger, Norwegen) beschrieb in How does
Virtual Organizations as Collaboration Networks Benefit Society? Descriptions
and Experiences from Collaboration Networks in the Rogaland Area die Organisation der Kooperation verschiedener
Unternehmen in einer norwegischen Region, unabhängig vom IT-Einsatz der
Unternehmen. JEWELS / PARTRIDGE / UNDERWOOD (Queensland, Australien)
untersuchten Effects of Informal Networks
on Knowledge Management Strategies am Beispiel eines ASPs und stellten dabei
einen nur relativ geringen Einfluß der Organisation auf die Weise des
informellen Austauschs fest. NILSSON / MAGNUSSON (Göteburg)
untersuchten Supply Chain- und R&D-Netzwerke in der EU (SME
Network Taxonomy: A qualitative Study of Network Practice in the EU). Drei
Aufsätze widmeten sich der technischen Unterstützung für Projektmanagement in
virtuellen Communities: SCHUBERT / LEIMSTOLL / WACKERNAGEL (Basel) untersuchen Internet
Groupware Systems for Project Management: Experiences from an empirical Study; LU
/ SCHÖNERT (Koblenz) behandelten Mobile
Project Management – Status Quo and Perspectives. Die Konsequenzen der
geografischen Dispersion in verteilten Software-Entwicklungsprojekten
untersuchten SHARMA / KRISHNA aus Bangalore, Indien (Influence
of Geographic Dispersion on Control and Coordination for Management of Software
Development Projects). Das – naheliegende – Ergebnis ist, dass eine
geografische Dispersion einen höheren Grad an formaler Organisation und
Prozeduren bedingt.
Das Thema „Knowledge Management in virtuellen Organisationen“ wurde
von TAYLOR / BORAIE (Bradford / Oxford) in A
Prosed Model for Tacit Knowledge Capture Between Consultancies and Freelance
Subcontractors untersucht. Auf
Grund der im Projektgeschäft häufigen Struktur der Zusammenarbeit zwischen
Organisationen und einzelnen Freelancers ergeben sich besondere Schwierigkeiten
für das Knowledge Management, für deren Behebung die Autoren Projektreviews
als Mittel ansehen.
In dem
Konzept der IRMA-Kongresse nehmen KMU eine besondere Stelle ein, einerseits als
eigener Thread im Programm, andererseits in zahlreichen Beiträgen zu anderen
Themen. Die Brücke zwischen Virtualisierung und KMU baute KISIELNICKI
(Warschau), der in seinem Beitrag Virtualisation
as a New Trend of Applications of the Global Information Technology (IT) –
Analysis on the Example of Transformations of Small and Medium Enterprises (SMEs)
in the Global Market die These vertrat, dass SMEs eher zu virtuellen
Organisationen neigen als Großunternehmen und diese besser nutzen können.
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Einige Aufsätze
versuchten, für KMU Lightweight-Methoden bzw. Best Practices zu diskutieren:
BURGESS (Victoria University, Melbourne, Australien) stellte in A
Staged Approach to Identifying Web Site Features for Small Businesses ein
Excel-Tool zur Bewertung von Webseiten vor. DAWSON / JACKSON (Loughborough, Großbritannien)
zeigten am Beispiel einer Bank in Kuwait eine vom Kunden selbst durchgeführte
Requirements Analyse (Enabling a
Do-It-Yourself Requirements Analysis).
Ebenfalls in
Großbritannien (Sunderland) untersuchten HILLEM / EDWARDS die Adoption von IT
in KMU (Identifying IT / IS Strategy
Profiles in Manufacturing SMEs). Dabei kamen sie zu dem – leider nur durch
wenige Studien untermauerten – Ergebnis, dass technischer Support und
Expertise unterstützende Faktoren für die erfolgreiche IT-Adaption in KMU
sind. Ähnlich
konzentrierte sich VENKATESAN (Crawley, Australien) auf KMU-Spezifika von
E-Commerce (Information Need and Its
Impact on the Adoption of E-Commerce Tools in the Small Business Sector in
Western Australia).
Am Rande der
Veranstaltung (re-) organisierte sich ein im letzten ins Leben gerufene Research
Cluster „IS in SMEs“, an dem
sich vornehmlich Wissenschaftler aus Australien und Großbritannien beteiligen.
Interessant wird es sein zu verfolgen, ob die nationalen Differenzen in der ökonomischen
Struktur tatsächlich eine vergleichende Forschung ermöglichen.
Kulturelle
und geschlechtsspezifische Aspekte waren zwar nicht als eigenständiger
Schwerpunkt geplant, tauchten aber immer wieder auf: Dies betrifft zunächst die
IT-Ausbildung: Eine vergleichende Studie von FRAUNHOLZ / UNNITHAN / CHAMBERLAIN
behandelte Project Communication
Management in Australia, Germany and India – A Cross Cultural Study.
GREENHILL (Salford, Großbritannien) untersuchte Cultural Influences on Information Technology Skills Acquisition: An
Australian Perspective. MAKKONEN (Jyväskylä, Finnland) thematisierte
geschlechtsspezifische Aspekte der Didaktik (Which Gender Benefits from Web-Based Seminar in Knowledge Work Course?).
Hier zeigte sich, dass in vielen
Fällen traditionelle Lernmethoden webbasierten überlegen sind und außerdem
die Nutzungsschwerpunkte bei Männern und Frauen verschieden sind. RATCHEVA
(Nottingham, Großbritannien) thematisierte die Überbrückung von
Wissensdifferenzen in verteilten Teams (Bridging
Knowledge Diversity in Distributed Multidisciplinary Teams). DeLORENZO /
KOHUN behandelten in Using Ethnographic
Techniques To Define User Requirements methodische Möglichkeiten,
kulturelle Differenzen zu reduzieren.
Neben den
genannten Schwerpunkten blieben eine Reihe weiterer Aufsätze - aus welchen Gründen
auch immer – dem Berichterstatter im Gedächtnis: So untersuchten CLARKE et
al. britische Polizei-Call Center (A Study
of a U.K. Police Call Centre) als Aktionsforschung. KALCZYNSKI / ABRAMOWICZ
/ WECEL / KACZMAREK (Toledo / Poznan) stellten in Time-Indexer: a Tool for Extracting Temporal References from Business
News einen Versuch vor, Dokumente unabhängig von deren semantischen Kontext
auch nach dem temporalen Kontext zu erschließen. KNIGHT / WHITE / STEINBACH (DePaul
University, Chicago, USA) untersuchten den Bedeutungswechsel von
Informationssystemen in deren Lebenslauf anhand einer Klassifizierung der
Systeme in in Support, Strategie und Mission-critical (Moving Toward Mission-Critical: The Migration of Strategic and Support
Systems). Diese Klassifizierung unterstützt eine differenzierte Sicht auf
die Sinnhaftigkeit des Outsourcing. Ebenfalls zum Thema Outsourcing analysierten KISHORE /
RATNASINGAM (Buffalo / Burlington, USA) A
Risk-Trust-Control Perspective for Risk Management in the ASP Outsourcing
Paradigm. Nach Meinung
der Autoren existiert bisher – entgegen der tatsächlichen Bedeutung - kein Risikomanagement-Ansatz für Outsourcing.
In seiner
Mischung aus thematisch breiter Behandlung gerade auch nichttechnischer Akzente
und Internationalität ist der IRMA-Kongress eine lohnende Bereicherung des
Programms. Antworten und geschlossene Konzepte wird man nur selten finden –
Anregungen für neue Fragen und Ansätze hingegen gibt es zuhauf.
(Seitenangaben
beziehen sich auf die Proceedings: Information Technology and Organizations:
Trends, Issues, Challenges and Solutions. 2003
Information Resources Management Association. International
Conference Philadelphia, Pennsylvania, USA, May 18-21, 2003)