Publikation         

Rüdiger Weißbach

Strategien betrieblicher Informatisierung und die Diffusion von ISDN

 

Bei der Analyse der Implementierungsprozesse von (kommerziell genutzter) Informations- und Komunikations- (IuK-) Technik fällt regelmäßig eine Diskrepanz zwischen der Implementierungspraxis und den in der Literatur vorzufindenden Modellbeschreibungen auf. Dabei ist die immer wieder anzutreffende Forderung nach einem ”strategischen Einsatz der IuK-Technik” in praxi keinesfalls immer Realität.

Die vorliegende Untersuchung, deren Langfassung im Jahr 2000 an der FU Berlin als Dissertation angenommen wurde, untersucht auf der Mikroebene Prozesse der Implementierung bzw. auf der Makroebene der Diffusion von ISDN (Integrated Services Digital Network) untersucht. Zu diesem Zweck wurden über 90 Fallstudien durchgeführt bzw. sekundär analysiert.

Diffusion von IuK-Technik

Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Diffusion kommerziell genutzter IuK-Technik nicht durch ein einfaches Modell erklärt werden kann. Stattdessen muss vom Zusammenwirken verschiedener Faktoren ausgegangen werden. Grundlegend für die Akzeptanz einer neuen Technik sind erwartete Kosten-Nutzen-Relation sowie Produkteigenschaften (Qualitäten).

Organisationsexterne Einflüsse bestimmen dabei die Wahrnehmung und den Handlungsrahmen der Akteure und wirken sich damit auf die Akzeptanz einer Technik aus:

·         Normative Vorgaben

·         Marktsituation (bzw. deren Wahrnehmung) – „Quasi-Zwänge“ aufgrund von Kunden- / Lieferantenanforderungen

·         Einbettung der Akteure in professionelle Netzwerke

·         Netz- bzw. Systemgüter (abhängig von den tatsächlichen und angenommen aktuellen und zukünftigen Verbreitungswerten).

Organisationsinterne Einflüsse sind weniger an der Technik orientiert, sondern primär an den Bedingungen organisationaler Änderungen.

·         Investitionssicherung (vorhandene Investitionen schaffen Folgezwänge)

·         Verteilung von Kompetenzen für organisatorische Änderungen und für die Implementierungen von Technik

·         Unternehmenskultur (beeinflusst die Risiko- und Innovationsbereitschaft)

·         Mikropolitische Aspekte (individuelle und gruppenbezogene „strategische“ Verhaltensformen von Organisationsmitgliedern) 

 

Rationalisierungs- und Reorganisationsstrategien als Folie des IuK-Technikeinsatzes

In den Paradigmen der aktionsorientierten Managementliteratur - wie „Bürokommunikation“, „Informationsmanagement“, „Lean Management“, „Business Reengineering“, „virtuelle“ oder „fraktale“ Organisationen - spiegelt sich eine Entwicklung wider, in der Rationalisierung nicht mehr primär technizistisch als eine jenseits der organisationalen Strukturen lösbare Aufgabe betrachtet wird. Vielmehr wird das Ensemble von technischen Faktoren, der organisationalen Sozialstruktur und ihres Verhältnisses zur Umwelt thematisiert. Rationalisierung kann daher nicht als eine subjektunabhängig formalisierbare Aufgabe betrachtet werden, sondern allgemeine Leitbilder und Paradigmen werden von organisationsindividuellen Situationen überlagert und modifiziert.

 

DAS BEISPIEL DER ISDN-Anwendung

Bereits im Vorfeld und in der Frühzeit der ISDN-Einführung kristallisierten sich verschiedene Leitbilder von seiten des Netzbetreibers, der Gerätehersteller sowie von Beratern und ”Experten” heraus, die sich wie folgt umreißen lassen:

·       Universalität: Zusammenwachsen von Sprach- und Datenkommunikation

·       Kompatibilität: Mit ISDN-Anlagen kann über das herkömmliche Telefonnetz ohne Funktionseinschränkung zu diesem kommuniziert werden, lediglich die Nutzung neuer zusätzlicher Funktionen ist dabei nicht möglich.

·       Zukunftssicherheit: Entwicklung hin zu Breitband-ISDN verheißt Integration weiterer Kommunikationsdienste sowie Steigerung der Leistungsfähigkeit

·       Offenheit: international standardisierte Technik, die für alle Anwender und alle Dienste einsetzbar ist

·       Modernität: ISDN ist Träger einer Rationalisierungshoffnung vor allem für den Bereich der Verwaltungstätigkeiten

·       Wirtschaftlichkeit: sowohl hinsichtlich kurzfristiger wie auch hinsichtlich mittel- und langfristiger Anforderungen

·       Ohne Nachteile: Alle die o.a. Vorteile lassen sich ohne nachhaltige Nachteile gegenüber bisherigen Lösungen nutzen. Insofern ist ISDN nicht zwangsläufig eine Alternative, über deren grundsätzliche Nutzung nachzudenken und abzuwägen ist, sondern kann eingesetzt werden, ohne weitere Entwicklungen nachteilig zu beeinflussen. Damit ist ISDN gegenüber anderen IuK-Projekten, mit denen es um betriebliche Ressourcen konkurriert, im Vorteil und grundsätzlich sinnvoll; lediglich die Ausführung und der Zeitpunkt des Einsatzes sind von den konkreten organisatorischen Gegebenheiten abhängig.

·       Die o.a. Attributierungen stehen in einem partiell hierarchischen Verhältnis zueinander. Universalität, Kompatibilität und Zukunftssicherheit erscheinen dabei als primäre Aspekte und wurden in der Literatur besonders herausgestellt.

Dabei wandelten sich die propagierten Nutzungsstrategien im Zeitverlauf, die Gewichtungen der einzelnen Leitbilder verschoben sich. Für diesen Wandel können verschiedene Ursachen (Änderungen der TK-Landschaft, höherer Bandbreitenbedarf, Zunahme von Onlinediensten, technische Fortentwicklungen, Zunahme von Outsourcing, Telearbeit etc.) angenommen werden:

Am Beispiel von ISDN kann somit gezeigt werden, daß bisherige sehr normativ ausgerichtete Ansätze zur Interpretation betrieblichen Informatisierungsstrategien und zur Diffusion von IuK-Technik zu statisch und zu verallgemeinernd sind. Strategische Aspekte spielen zwar für die Interpretation einer Technik eine herausragende Rolle. Um die tatsächlichen Anlässe und Prozesse bei der Implementierung und Diffusion von Technik zu analysieren, muss jedoch wesentlich stärker als bisher auf organisationsindividuelle und gruppen- oder kulturbezogene (z.B. branchenbedingte) Faktoren eingegangen werden. Begreift man Informatisierung als einen organisatorischen Rationalisierungsprozeß und nicht nur als die Installation von Technik, so erscheint die Verbindung von bestimmten IuK-Techniken mit betrieblichen Strategien in der Organisationspraxis keinesfalls so eng, wie es in der Managementliteratur oft dargestellt wird. Leitbilder für den Technikeinsatz lassen sich flexibel interpretieren. Eine vergleichsweise universelle, weitgehend „strategieneutrale“  Technik wie ISDN kann unproblematisch in völlig verschiedene, auch konträre Organisationsstrategien eingebettet werden. Diese flexible Anschlussfähigkeit in Verbindung mit einem konkreten, kurzfristig erzielbaren Nutzen und einer ”sanften” Migrationsmöglichkeit waren Bedingung für den Erfolg von ISDN und können auch als Bedingungen des Erfolgs zukünftiger IuK-Techniken angesehen werden.